


Es begann mit einem Zufall. Ich hatte vor einigen Jahren im Internet einen Zeitungsartikel über den Schneekristallforscher Wilson A. Bentley gelesen und war wie elektrisiert davon. Die unvorstellbare Vielfalt und Schönheit der Schneekristalle ist so zum ersten Mal in meine Welt gekommen. Und ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Es war absolut sinneserweiternd zu versuchen, sich bewusst zu machen, dass keine zwei Schneekristalle gleich sind! Stellen Sie sich mal in einen Schneesturm und überlegen Sie sich das! Es ist mindblowing.
Nachdem ich von Bentley und seinen Entdeckungen gelesen hatte, konnte ich direkt nachvollziehen, dass er sein Leben diesem Thema gewidmet hat. Wenige Monate später ging es mir dann ähnlich. Im Winter 2018 habe ich die ersten Schneekristalle aus Porzellan als Hommage an Wilson A. Bentley herausgebracht und es hat sich über die kommenden Jahre sehr gut etabliert, jedes Jahr erscheinen sechs neue Kristalle.

Dann kam ein zweiter Zufall hinzu. Als ich im Winter 2024 die Schneekristalle aus Porzellan im Stadtmuseum in Nürnberg ausgestellt hab, kam an einem der letzten Tage eine Dame in den Raum herein. Sie stand lange Zeit da und war offensichtlich fasziniert von einem Portrait von Wilson A. Bentley, das ich mit ausgestellt hatte. Nach einer Weile fasste ich den Mut, sie zu fragen, ob ich ihr etwas über ihn erzählen dürfte. Sie bedeutete mir, einen Moment zu warten, tippte etwas in ihr Handy und reichte es mir. Da stand, ins Deutsche übersetzt: „Meine Großmutter arbeitete als Teenager für Wilson A. Bentley.“ Ich war sprachlos. Ich hätte es mir nicht träumen lassen, dass ich tatsächlich einmal jemanden treffen würde, der Bentley so nahestand. Ich war restlos begeistert! Holly Dodge lebt in den USA und war im Rahmen einer Kulturreise durch Europa nach Nürnberg gekommen. Sie war wahrscheinlich genauso überrascht wie ich, denn sie hätte nicht erwartet, auf der anderen Seite des Ozeans auf eine so persönliche Verbindung zu ihrer eigenen Familiengeschichte zu treffen. Wir tauschten unsere E-Mail-Adressen aus und unterhielten uns in den folgenden Monaten viel über „Onkel Willie“ und seine Familie. Es war wie eine Entdeckungsreise in die Vergangenheit. Ich erfuhr viel über Bentleys Lebensumstände, durfte sehr persönliche Fotos ansehen und gewann noch einen ganz anderen Eindruck von ihm hinzu. Ich versuche das hier in aller Kürze einfließen zu lassen. Die meisten Fotos auf dieser Seite habe ich von Holly zur Verfügung gestellt bekommen. Sie hat im Sommer 2025 extra ihren Cousin Lee Whittemore besucht, der aus direkter Linie der Bentleys stammt. Sie haben sich gemeinsam die Fotokiste aus dem Bentley-Nachlass angeschaut und für mich dokumentiert. Ich bin ein weiteres mal extrem begeistert, dass ich die Fotos hier auch zeigen darf. Herzlichen Dank, liebe Holly, lieber Lee!
Was mich persönlich besonders interessiert hat war Hollys Einschätzung, wie Wilson A. Bentley als Mensch war. Und tatsächlich: Zu der weit verbreiteten Ansicht, dass Wilson A. Bentley eine Art Außenseiter oder Einzelgänger war, kam eine neue Perspektive hinzu. Tatsächlich gab es in seinem Umfeld eine ganze Reihe von Menschen, die ihn sehr mochten. Er war ein sehr freundlicher und charmanter Mensch, und viele um ihn herum schätzten ihn gerade deshalb, weil er so anders war. Vor allem die Kinder in seinem Umfeld freuten sich, jemanden wie ihn in ihrer Nähe zu haben, der ihnen mit seiner sanften Art Mut machte. Ich finde es wichtig, diese Seite dem allgemeinen Bild, das von ihm gezeichnet wird, hinzu zu fügen.
Holly schickte mir Fotos von den Abzügen, die Wilson A. Bentley ihrer Großmutter Letty Wheeler Whittemore geschenkt hatte, als sie für ihn arbeitete. Sie werden in einem Album aufbewahrt, das wie ein Schatz gehütet wird. So hat Letty es ihrer Familie vorgelebt. Ein Teil dieser Fotos ist in die diesjährige Edition eingeflossen. Sie trägt auch ihren Namen: die Letty Wheeler Whittemore Edition 2025. Ich mag das sehr.

Auf diesem Foto, das Wilson A. Bentley im Garten vor dem Haus gemacht hat (man beachte die Schneekristalle links im Hintergund!), sieht man die Kinder, die mit auf der Farm in Nashville / Jericho gelebt haben. Ihre Cousine Letty, das Mädchen in der Mitte, war vermutlich gerade zu Besuch. Letty ist als Jugendliche damit beauftragt worden in Bentleys Atelier aufzuräumen und es wurde ihr erlaubt, die Schnipsel der Fotos von den Schneekristallen, die auf den Boden gefallen waren, für sich zu behalten. Es muss ausgesprochen faszinierend für sie gewesen sein, die Welt der Schneekristalle auf diese Weise zu entdecken! Und ich glaube auch, dass „Onkel Willie“ von Zeit zu Zeit absichtlich einige wirklich gute Fotos auf den Boden hat fallen lassen, einfach weil es ihn gefreut hat, zu sehen, wie begeistert sie war, wenn sie sie fand.

Es gab eine Geschichte, in der er sich sehr ähnlich verhalten hatte, die mich zu dieser Interpretation gebracht hat: Bentley hatte damals als einziger Fotograf weit und breit nicht nur die Schneekristalle, sondern auch die Kinder der Dorfschule fotografiert. Es gibt einen Abzug eines solchen Klassenfotos in einer kommentierten Fotosammlung. Das Bild hat eine Auffälligkeit: zwischen lauter weißen Kindern stand ein einzelnes schwarzes Mädchen mit kurzen Haaren. Offensichtlich war es fremd. Sie war als Kind adoptiert worden und war so die einzige Schwarze im ganzen Dorf. Und was macht Bentley, als er sieht, dass sie sich irgendwie verkehrt fühlt? Er macht einen weiteren Abzug der Fotografie - dieses Mal invers. Beim Überreichen des Bildes an sie muss er wohl einen kleinen Scherz auf den Lippen gehabt haben. Das Mädchen hat ihn sofort verstanden und sich riesig gefreut.
Mir scheint, er wollte, dass sich die Menschen um ihn herum wohl fühlten. Insbesondere diejenigen, die weniger dominant waren, die am Rande standen oder die noch klein waren. Das finde ich sehr liebenswert.
Letty erhielt jedes Jahr eine Weihnachtskarte von ihm, und sie gab ihre Begeisterung für Schneekristalle und diesen außergewöhnlichen Menschen an ihre Kinder und Enkelkinder weiter. Ich fühle mich sehr geehrt und freue mich sehr, meinen Teil dazu beitragen zu können, diese bewegende Geschichte weiterzugeben. Herzlichen Dank, liebe Holly!
Doris
Aber noch einmal zurück zur eigentlichen Geschichte von Wilson A. Bentley. Ich sehe sie durch Hollys Beschreibungen jetzt etwas anders:

Charles Bentley, der ältere Bruder von W. A. Bentley, vor der Farm in Nashville / Jericho. Im Hintergrund ist der Mount Mansfield. Foto: W. A. Bentley ca. 1895.

Ansicht des Mount Mansfield hinter dem Bentley-Haus in Nashville. Foto: W. A. Bentley ca. 1895.
Wilson A. Bentley wuchs in einem kleinen Weiler namens Nashville in Jericho in Vermont auf, das liegt im Nordosten der USA. Seine Familie hatte eine Farm mit Milchkühen und aus heutiger Sicht erscheint das ganze wohl recht idyllisch. Vermutlich war es aber auch mit wirklich harter Arbeit verbunden.

Da Wilson A. Bentley von Anfang an ein sehr fein wahrnehmendes Kind war und seine Mutter Fanny das bemerkt hatte, schenkte sie ihm schon als Jugendlichem etwas sehr Außergewöhnliches: ein Mikroskop. Von jenem Moment an lag seine Aufmerksamkeit ganz bei dem, was er durch diese optischen Linsen sehen konnte. Am faszinierendsten empfand er das Betrachten von Schneekristallen. Er war von der unerwarteten Detailliertheit und Vielfalt sehr beeindruckt. Er wollte seine Entdeckungen gerne mit anderen teilen, aber zum Zeichnen waren die Kristalle viel zu flüchtig. Es war sein Glück, dass zu dieser Zeit das Medium der Fotografie aufkam und er bald darauf zurückgreifen konnte.
Fanny Eliza Colton Bentley, die Mutter von W. A. Bentley. Foto: unbekannt.

Wilson A. Bentley und seine Mutter Fanny im frühen Schnee. Beachten Sie den kleinen Schneemann links! Foto: W. A. Bentley ca. 1890.

Zu seiner Zeit gab es in der Region, in der er lebte, ein Erbrecht, nach dem der jeweils Erstgeborene den Besitz der Eltern erhalten würde. Wilson war aber nun einmal nicht der Erstgeborene. Das war sein knapp zwei Jahre älterer Bruder Charles. Und damit war allen von Anfang an klar, dass Wilsons Position eine am Rande sein würde. Vermutlich reichte das Geld auch einfach nicht dafür, ihn studieren zu lassen. Stattdessen half er mit, vermutlich ähnlich wie ein Knecht, auf der Farm, die dann seinem Bruder gehörte. Wilson A. Bentley richtete sich dahingehend ein. Ich vermute, dass er damals als «Ausgleich» für dieses zwar übliche, aber auch sehr ungerechte Erben, zu seiner Volljährigkeit die Kamera erhalten hat. Man kann lange darüber nachdenken, was diese ungleiche Ausgangsposition mit den Menschen macht. Diese Kamera hat in jedem Fall sein Leben verändert. Es fühlt sich an wie die Ironie des Schicksals, dass er damit weiter kam, als wenn er die Farm geerbt hätte.
Es war jedoch noch ein langer Weg, bis es sich für Bentley richtig anfühlte.
Nachdem Wilson die Kamera erhalten hatte, kam erst einmal die Enttäuschung. So einfach war es leider nicht, scharf konturierte Fotoaufnahmen von den Schneekristallen zu machen. Makro-Objektive gab es damals noch nicht. Er musste lange tüfteln, bis er die Optik des Mikroskops und die der Kamera aufeinander eingestellt hatte. Nach einem Dreivierteljahr gelang es ihm 1885, detailgetreue Fotografien von Schneekristallen unter dem Mikroskop zu machen.

Von jenem Moment an verbrachte er jede freie Minute mit seinem Projekt. Im Winter fing er Schneekristalle mit einer Feder aus der Luft, legte sie auf ein schwarzes Tableau und brachte sie in die Scheune. Dort war seine Kamera aufgebaut und er hatte bei der großen Kälte genügend Zeit die Kristalle zu fotografieren. Er machte auch Notizen zu den jeweiligen Witterungsverhältnissen und sortierte die Kristalle später nach ihrer Form auf eine sehr wissenschaftliche Art.
W. A. Bentley mit seiner Kamera, ca. 1929.
Es folgten viele Jahre faszinierten Forschens und Arbeitens mit erstaunlichen Ergebnissen. Insgesamt 5381 unterschiedliche Schneekristalle fotografierte Wilson A. Bentley bis zu seinem Tod im Jahr 1931. Die Anerkennung für seine Forschungsarbeit blieb ihm jedoch lange verwehrt. Viele verstanden einfach nicht, wieso er sich so sehr für diese Kristalle interessierte. Und gleichzeitig blieben ihm, dem Nichtstudierten, die Türen zu den Universitäten verschlossen. Ich denke mir, was für eine Hybris! Bentley war den Wissenschaftlern mit seiner Forschung über die Schneekristalle weit voraus, aber eingestehen konnten sie sich das nicht. Es war für sie einfacher, ihn außen vor zu halten.
Später gab es dann aber doch eine Wende. Bentley hatte sein Leben lang auf so etwas gehofft:
Durch seine Vorträge wurde Bentley tatsächlich eines Tages von einem Verleger entdeckt. Er kam zu ihm, sah diese Vielzahl an wundervollen und akkurat dokumentierten und archivierten Fotografien von Schneekristallen und bat ihn, dass er ein Buch mit seinem Werk herausbringen dürfe. So geschah es dann auch. Ungefähr die Hälfte der Fotografien wurden in Wilson A. Bentleys Buch "Snow Crystals" aufgegriffen und dargestellt. Der Bildband fasziniert und inspiriert Forscher, Designer und Amateure bis heute.
In dem gleichen Jahr, in dem sein Buch erschienen ist, 1931, starb Wilson A. Bentley an Weihnachten an einer Lungenentzündung. Für mich fühlt sich diese Koinzidenz tragisch und gleichzeitig auch in Ordnung an. Vielleicht wusste Bentley ab dem Erscheinen des Buches, dass seine Arbeit nicht umsonst war und konnte sich verabschieden.
